Das Lüften bleibt Sache der Fachleute — FN vom 18.12.2020

Thema: Grossrat

Der Grosse Rat hat eine Motion abgelehnt, gemäss der bei neuen öffentlichen Gebäu­den das Lüften von Hand gle­ich­w­er­tig zur automa­tis­chen Lüf­tung sein soll. Für eine Mehrheit ist das mech­a­nis­che Sys­tem zuverlässiger.

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Neubaut­en des Kan­tons und der Gemein­den müssen das Min­ergie-Label erlan­gen oder gle­ich­w­er­tige Kri­te­rien erfüllen. Dies sieht das kan­tonale Energiege­setz vor. Energiew­erte und die Luftqual­ität wer­den dabei vorgeschrieben

Doch wie dieses Ziel zu erre­ichen ist, darüber debat­tierte der Grosse Rat gestern aus­führlich. Eine Motion der Gross­räte Pierre-Andé Grand­gi­rard (CVP, Cugy) und Rose-Marie Rodriguez (SP, Estavay­er) hat­te näm­lich kri­tisiert, dass das Amt für Energie ins­beson­dere für neue Schul­ge­bäude eine automa­tis­che Lüf­tung ver­langt, Fen­steröff­nen aber nicht zum Konzept gehöre. Deshalb forderten sie, dass für das Min­ergie-Label das men­schliche Zutun min­destens gle­ich wie das automa­tis­che Lüften zu gewicht­en sei. Für das Fen­steröff­nen solle eine Lüf­tungschar­ta für die Benutzer erstellt werden.

«Welle von Lobbyismus»

«Sel­ten hat ein Vorstoss für soviel Aufruhr gesorgt wie diese Motion», sagte Grand­gi­rard. Nicht nur habe sich der Staat­srat in ein­er 15-seit­i­gen Antwort mit Stel­lung­nah­men von Inge­nieuren gegen eine solche Lüf­tungschar­ta gerichtet, die Gross­räte seien auch direkt ein­er Welle von Lob­by­is­mus aus­ge­set­zt gewe­sen. Grand­gi­rard machte einen ein­fachen Grund für sein Anliegen gel­tend: «Das natür­liche Lüften kostet weniger als ein automa­tis­ches Ventilationssystem.»

Co-Motionärin Rose-Marie Rodriguez sagte, die Antwort des Staat­srats habe die Lehrerschaft fast dro­hend auf die Fol­gen aufmerk­sam gemacht, wenn diese nicht richtig lüften wür­den. Sie aber meinte: «Es geht doch nicht um rechtliche Sank­tio­nen.» Laut Rodriguez wären drei Lüf­tungssys­teme für die öffentlichen Gebäude denkbar: nur mech­a­nisch, nur manuell oder hybrid, mech­a­nisch und manuell. «Wir schla­gen ein­fach das hybride Sys­tem vor.» Mit ihrer Forderung drangen die Motionäre aber nicht durch: «Der Grosse Rat lehnte die Motion mit 53 gegen 34 Stim­men bei 11 Enthal­tun­gen ab.

Zusatza­uf­gabe für Lehrer?

Der Wider­stand gegen den Vorstoss kam ins­beson­dere von bürg­er­lich­er Seite. So sagte Jacques Morand (FDP, Bulle): «Die Lehrer haben eine andere Auf­gabe, als die Raumtech­nik zu erset­zen.» Pas­cal Moën­nat (CVP, Grandvil­lard) hält die Benutzer­char­ta eben­falls für eine schlechte Idee: «Sie ist rechtlich zweifel­haft, und sie garantiert kein gutes Funktionieren.»

Daniel Bürdel (CVP, Plaf­feien) ergänzte: «Die Sicher­heit ist nicht mehr gewährleis­tet. Lüften ist auch nicht in allen Fällen möglich, etwa wenn der Strassen­lärm zu störend ist.»

Rose-Marie Rodriguez liess all dies aus Sicht der Gebäudebe­nutzer nicht gel­ten: «Lehrer organ­isieren Lager, sie gehen mit den Schülern schwim­men, sie kon­trol­lieren seit der Coro­na-Pan­demie, dass immer desin­fiziert wird. Dann kön­nen sie doch auch Fen­ster öff­nen.» Im Ver­lauf der Debat­te wurde deut­lich, dass der Ursprung des Vorstoss­es beim einen oder anderen neuen Schul­haus speziell im Broye­bezirk liegt, wo automa­tis­che Sys­teme nicht wie gewün­scht funktionierten.

Doch auch Eri­ka Schny­der (SP, Vil­lars-sur-Glâne) sagte: «In unser­er Gemein­den müssen wir eben­falls nach Min­ergie-Stan­dard bauen, um energieef­fizient zu sein. Und doch gibt es immer wieder Prob­leme mit dem Kli­ma, und die Benutzer schal­ten ihre Elek­tro-Heizgeräte ein.»

«Es gab vielle­icht einige schlechte Beispiele», so Daniel Bürdel. «Aber da waren wohl zu wenig kom­pe­tente Leute am Werk.» André Schoe­nen­weid (CVP, Freiburg) rief in Erin­nerung, dass Freiburg sehr wohl Fach­leute auf diesem Gebi­et habe. Ger­ade das Smart Liv­ing Lab in der Blue Fac­to­ry arbeite an mod­er­nen Lösun­gen für Gebäudeeffizienz.»

Jean-Daniel Wicht (FDP, Vil­lars-sur-Glâne) forderte: «Haben wir Ver­trauen in die Spezial­is­ten, und lassen wir sie die richti­gen Lösun­gen suchen!»

Mit der Ablehnung der Motion fol­gte der Grosse Rat der Empfehlung des Staat­srats. Wie Volk­swirtschafts­di­rek­tor Olivi­er Cur­ty (CVP) sagte, habe der Kan­ton bei der Gebäudeen­ergie eine Vor­bild­funk­tion. «Wie kann der Fak­tor Men­sch ein­berech­net wer­den für Gebäude, die noch Jahrzehnte genutzt wer­den?», fragte er. Bei Annahme der Motion wäre jede andere tech­nis­che Norm eben­falls in Frage gestellt wor­den, so Curty.

ZUM BEGRIFF
Min­ergie und Fensteröffnen

Min­ergie ist ein Schweiz­er Bau­s­tan­dard für neue und mod­ernisierte Gebäude. Die Marke wird vom Bund, den Kan­to­nen und der Wirtschaft gemein­sam getra­gen. Die Stan­dard­nutzung, Wärme­hülle und Haustech­nik eines Min­ergie-Gebäudes richt­en sich nach den Nor­men der Gesellschaft der Inge­nieure und Architek­ten SIA. Es gibt die Label Min­ergie, Minergie‑P und Minergie‑A. Bei der Motion war von Minergie‑P die Rede. Der Staat­srat betont, Min­ergie schliesse nicht aus, Fen­ster zu öff­nen. Wenn das Gebäude nicht mehr geheizt wird, wird dazu gar ermuntert.

Autor: Urs Haen­ni

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